Kirche St. Peter und Paul

HolbachPaul Thiry Baron von Holbach

Leben. Werk. Wirkung

Holbach, Paul (Heinrich) Thiry Baron von
*8.12.1723 (Taufeintrag) Edesheim/ Pfalz, + 21.1.1789 Paris; Grabstätte: ebd., Kirche St. Roch - Philosoph, Enzyklopädist.

LEBEN:
Sohn des Winzers JOHANN JAKOB THIRY aus Edesheim im ehemaligen Hochstift Speyer. Die Mutter, eine geb. H., war die Tochter des dortigen fürstbischöfl. Steuereinnehmers. Sein lediger Onkel und Förderer, FRANZ ADAM HOLBACH, der in Paris durch Aktienspekulationen zu einem Millionenvermögen kam und sich anschließend am Wiener Kaiserhof den erblichen Titel eines Barons zu erwerben wußte, ließ den Neffen zunächst auf seinem Edesheimer Landsitz von dem französischen Geistlichen FRANCOIS BELLEMONT erziehen. Nach einer Hausdurchsuchung (1731) durch den Speyerer Bischof Kardinal DAMIAN HUGO VON SCHÖNBORN wegen dessen angeblicher jansenistischen Irrlehren, verlegte der Onkel die Erziehung alsbald nach Paris. Von 1744-48 studierte der junge Paul an der als liberal geltenden Universität Leyden Natur- und Rechtswissenschaft, wahrscheinl. auch Sprachen. Dort Bekanntschaft u. lebenslange Freundschaft mit dem späteren engl. Parlamentarier JOHN WILKES. Wieder in Paris erhält Paul Thiry durch Adoption Namen und Titel des in Wien geadelten Onkels. Durch seine Heirat mit BASILE GENEVIEVE (1750) und, nach deren Tod, mit ihrer Schwester CHARLOTTE (1756) - den Töchtern seiner vom Onkel ebenfalls adoptierten Cousine SUZANNE, - hielt der Privatgelehrte das Familienerbe als Grundlage seines Lebensstils klug zusammen. Vom Schwiegervater, NICOLAS D'AINE, Sekretär der königlichen Heeresverwaltung, übernahm er den Titel eines "Conseiller du Roi" u. gehörte damit auch dem französischen Adel an. Der Salon seines Pariser Stadthauses in der Rue Royale Saint Roch ("Cafe Europa", "Hotel der Philosophie") sowie sein nahegelegener Landsitz Grandval - an der Marne-Mündung westl. v. Paris gelegen - waren berühmter Treffpunkt der europ. Geisteswelt und galten als Zentrum der vorrevolutionären Aufklärung ("Zitadelle der Enzyklopädisten"). Erwähnenswert sind die anfängl. Freundschaft mit ROUSSEAU, die Bekanntschaft mit HELVETIUS, DAVID HUME u. dem Schauspieler GARRICK; bes. die tiefe Beziehung zu MELCHIOR GRIMM, der mit seiner "Correspondance litteraire" den europ. Fürstenhöfen das Pariser Kulturleben erschloß; vor allem aber mit DIDEROT, dem Holbachs Familie zur zweiten Heimat wurde. Holbach war Mitgl. der Akademien v. Berlin. (1754), Mannheim (1766) u. Petersburg (1780).

WERK:
Die früh (1749) erfolgte Bekanntschaft mit DIDEROT im Anfangsstadium von dessen Encylopädie gab Holbachs Wirken die entscheidende Richtung. Durch Übersetzungen deutschsprachiger naturwissenschaftlicher Werke mit technisch-anwendungsbezogener Thematik aus Glasherstellung, Mineralogie und Metallurgie trug H. viel zur Förderung der frz. Wirtschaft bei. Aus diesem Fundus verfasste er für jenes umfassende, v. ihm auch finanziell geförderte Lexikon ("Mäzen der Enzyklopädie"), das zu einem der wirksamsten Transportmittel des Aufklärungsgedanken wurde, mind. 400 (vllcht. sogar 1100) Artikel, davon auch zahlr. zu Kulturgeschichte u. Ethnologie. Um 1760 verlagert sich Holbachs Interesse auf die Kritik der Religion in allen ihren Erscheinungsformen. Die Religion ist der eigentl. Feind v. Aufklärung u. Fortschritt. Unwissenheit u. Geistesträgheit, Angst und Schwärmerei sind ihr Nährboden. Vor allem dient sie dem Machterhalt des Klerus u. seiner Allianz mit der Adelsherrschaft. Einziger Erklärungsgrund für alle Erscheinungen ist die aus sich selbst wirkende Natur u. die Erforschung ihrer Gesetze. Système de la natureSein Hauptwerk "Système de la nature", das schon 1783 eine dt. Übers. erlebte, formuliert Holbachs Anschauungen sehr deutlich: Sinn des Lebens ist das Streben nach irdischem Glück, zu dessen Erreichen man aber auch das Glück des Mitmenschen wollen muß. H. fordert Bildung für alle. Ihm schwebte eine Gesellschaft der allgemeiner Wohlfahrt unter Führung des Bürgertums vor. Das Buch entfachte einen Sturm der Entrüstung, wurde v. den Behörden öffentl. verbrannt ("Codex des Atheismus") u. zog viele Gegenschriften nach sich. VOLTAIRE verurteilte es wegen seiner Radikalität, Friedrich d. Gr. wegen seiner Angriffe auf den Adel. GOETHE, der es als Student in Straßburg las, nannte es "tot" und "grau", da es seine religiös-schwärmerische Naturverehrung enttäuschte. Holbach selbst blieb unerkannt, da er, wie bei allen seinen religionskritischen Werken, durch fingierte Angaben zu Autorschaft und Druckort die Zensur irreführte. Die Zuweisung einiger Werke ist bis heute nicht ganz geklärt, zumal heimlich umlaufende religionskritische Handschriften aus Frankreich u. entsprechende Literatur aus England ebenfalls in Holbachs Werkstatt ("Synagoge des Atheismus") bearbeitet, übersetzt u. zum Druck befördert wurden.

WIRKUNG:
Holbachs bleibende Bedeutung liegt im Einfluß seiner Religionskritik auf das 19.Jh. Indem er die Positionen seiner Vorgänger zusammenfaßt, systematisiert und radikalisiert, wird er zur Quelle für FEUERBACH, MARX und FREUD. Die philosophischen, gesellschaftlichen u. psychologischen Aspekte ihrer Religionskritik sind bei Holbach vorgebildet. Sein Werk ist bis heute, vor allem in den sozialistischen Staaten in vielen Übersetzungen zugänglich.

BIBLIOGRAPHIE:
Jeroom Vercruysse: Bibliographie descriptive des écrits du baron d'Holbach, Paris 1971.HAUPTWERKE: Boulanger (= H.): Le christianisme d‚voil‚..., Londres(?) 1767; La contagion sacrée..., (Die heilige Seuche, frz.), Londres (= Amsterdam) 1768; Mirabaud (= H.): Système de la nature ou des loix du monde physique & du monde moral, Londres (= Amsterdam) 1770; La politique naturelle..., Londres (= Amsterdam) 1773; L'Auteur du Système de la nature: Système social, Londres (= Amsterdam) 1773; La Morale universelle ou les devoirs de l'homme fondés sur sa nature (Allg. Moral oder die Pflichten des Menschen auf der Grundlage seiner Natur, frz.), Amsterdam 1776.

BRIEFE:
Hermann Sauter u. Erich Loos (Hg.): Paul Thiry Baron d'Holbach. Die gesamte erhaltene Korrespondenz, (frz.), Wiesbaden 1986.
ÜBERS.(ins Dt.): Manfred Naumann (Hg., Einl.): Paul Henri Thiry Baron d'H. Ausgew. Texte, Berlin (DDR). 1959; ders. (Hg., Einl.) u. Fritz-Georg Voigt (Übers.): Paul Thiry d'Holbach. System der Natur oder v. d. Gesetzen der physischen u. der moralischen Welt, Berlin (DDR). 196O ; dass. als suhrkamp-Taschenbuch (o. Einl.), Frankfurt 1978; ders. (Hg., Einl.): Paul Henri d'Holbach. Religionskritische Schriften: Das entschleierte Christentum. Taschentheologie. Briefe an Eugenie, Berlin (DDR). 1970.

LITERATUR:
Hermann Sauter: Paul Tiry(!) v. Holbach, in: Pfälzer Lebensbilder, Bd.1, Speyer 1964; Pierre Naville: D'Holbach et la philosophie scientifique au XVIIIe siècle, 2.Aufl., Paris 1967; Rudolf Besthorn: Textkritische Studien z. Werk Holbachs, Berlin (DDR) 1969; Denis Lecompte: Marx et le baron Holbach, Paris 1983; Michael Haupt: Von Holbach zu Marx, Hamburg 1987; Hartmut Harthausen, Hans Mercker, Hans Schröter: Paul Thiry v. Holbach - Philosoph d. Aufklärung. Katalog zur Ausstellung auf dem Hambacher Schloß anl. d. 200. Todesjahres, Speyer, 1989.
 

Hans Mercker


[Anmerkung des Verfassers: Der vorstehende Text ist zuerst als Lexikon-Artikel erschienen in: Literatur-Lexikon. Autoren und Werke deutscher Sprache". Band 5, Gütersloh:Bertelsmann Lexikon Verlag, 1990, S. 439-440.Eine ausführlichere Gesamtdarstellung zu Holbachs Leben und Werk siehe unter: Mercker, Hans: Zwischen Krummstab und Trikolore, in: Harthausen, Hartmut u.a. (Hrsg.) Paul Thiry von Holbach - Philosoph der Aufklärung (Katalog zur Ausstellung anl. d. 200. Todesjahrs), Speyer 1989]

 

Bildmaterial

Geburtshaus von Thiry Baron von Holbach Geburtshaus von Thiry Baron von Holbach, Ludwigstraße 4 Geburtshaus von Adam Holbach Geburtshaus von Adam Holbach, Luitpoldstraße 34

 

 Wappen von Adam HolbachWappen von Adam Holbach